Christian Fenger · Ein offenes Archiv im Aufbau

Maputo

Rückkehr 1990, Zerstreuung und die Spuren bis heute.

Schwarzweiß: Passagiere steigen über eine Gangway in ein Flugzeug der Interflug

Die Bilder bekommen ihre Geschichte zurück

In Maputo kehren die Bilder zu den Menschen zurück, die auf ihnen zu sehen sind. Ehemalige Kollegen erkennen sich und andere wieder, geben den Gesichtern Namen und erzählen, was nach 1990 kam. So spiegelt sich Eberswalde in Maputo.

Überstürzte Heimreise

1990 wurden den Mosambikanern die Arbeitsverträge gekündigt, ebenso die Plätze im Wohnheim. Man legte ihnen nahe, mit einer Ausreiseprämie von 3000 Mark nach Mosambik zurückzufliegen. Beide deutschen Regierungen wollten, dass die ausländischen Arbeitnehmer die DDR vor dem 3. Oktober 1990 verlassen, dem Tag der Wiedervereinigung.

Zwischen Mai und Oktober 1990 kehrten etwa 12.000 Mosambikaner zurück. Aus dem Walzwerk Eberswalde-Finow flogen die ersten Männer bereits Anfang September 1990 zurück. Christian Fenger fotografierte die Abreise an den Flughäfen Schönefeld und Tegel.

Schwarzweiß: Junger Mann mit Schirmmütze in einer Flughafenhalle
Schwarzweiß: Flugzeug auf dem Vorfeld des Flughafens Schönefeld

Spurensuche

Ehemalige Kollegen in Maputo haben Personen auf Fengers Aufnahmen wiedererkannt. Lavo Ernesto G. ist inzwischen in Mosambik verstorben. Damas Orlando war Gruppenleiter der mosambikanischen Arbeitnehmer im Walzwerk. Jeder Name öffnet eine Lebensgeschichte zwischen zwei Ländern.

Ein lächelnder Mann mit Sonnenbrille lehnt den Arm aus dem Fenster eines Autos, im Hintergrund eine Hallenwand mit dem Schriftzug Eberswalde.
Ein junger Mann in gemustertem Hemd sitzt mit einem kleinen Kind auf dem Schoß in einem Zimmer mit geblumter Tapete.

Die Madgermanes aus Eberswalde

Erkennen Sie jemanden?

Hinweis geben ↗

Archiv

In Mosambik heißen sie regressados oder Madgermanes. Eine Tabelle des DDR Ministeriums für Arbeit und Löhne vom März 1990 verzeichnet bis zum 31. Dezember 1989 genau 22.161 eingereiste mosambikanische Werktätige, allein 1988 waren es 6.464. Ende 1989 lebten noch 15.143 von ihnen in der DDR. Dieselben Jahreszahlen nennt Uta Sextro 1996.

Für die DDR rechnete sich der Einsatz: Nach einer Vorlage für das Sekretariat des ZK der SED von 1987 trug jeder mosambikanische Werktätige netto 18.483 Mark zum Nationaleinkommen bei, 13.000 Werktätige ab 1988 also rund 240 Millionen Mark im Jahr (Bundesarchiv, DE 1/57849).

Um die einbehaltenen Lohnanteile wird bis heute gestritten. Jeden Mittwoch demonstrieren die regressados in Maputo.

Arnaldo Soares Mendes mit Schirmmütze im Interview, Maputo 2026

Arnaldo Soares Mendes im Interview, Maputo 2026. Bildquelle: Screenshot

Arnaldo Soares Mendes steht auf einem sandigen Weg in Maputo, 2026

Arnaldo Soares Mendes, Maputo 2026. Bildquelle: Screenshot

Maputo, 2026

Arnaldo Soares Mendes

1987 kam Arnaldo Soares Mendes mit großen Hoffnungen aus Mosambik nach Eberswalde in das VEB Walzwerk Eberswalde-Finow. Drei Jahre später kehrte er nach Maputo zurück. Sechzig Prozent seines Lohnes waren vereinbarungsgemäß an das mosambikanische Arbeitsministerium überwiesen worden. Die Auszahlung der einbehaltenen Lohnanteile steht bis heute aus.

Bento Aucedro Tamele an einer alten Nähmaschine in seiner Änderungsschneiderei in Maputo, 2026

Bento Aucedro Tamele in seiner Schneiderei, Maputo 2026. Bildquelle: Screenshot

Maputo, 2026

Bento Aucedro Tamele

Auch Bento Aucedro Tamele kam 1987 nach Eberswalde, zusammen mit Arnaldo Soares Mendes, als einer von rund 90 mosambikanischen Arbeitnehmern, die bis Oktober 1988 ins Walzwerk kamen. Heute betreibt er in Maputo eine kleine Änderungsschneiderei. Am 25. Februar 2026 sah er sich und viele seiner damaligen Kollegen zum ersten Mal auf den Fotografien von Christian Fenger wieder.

Die Fotos in Maputo

Seit 2022 gibt es einen Austausch mit Maputo, und der fotografische Nachlass von Christian Fenger wird dort wieder zugänglich gemacht. Ehemalige Kollegen erkennen sich selbst, ihre Freunde und das Wohnheim in der Leninstraße 108 wieder. Jede Begegnung wird dokumentiert und fließt in die Suche nach den Protagonisten ein. Namen veröffentlichen wir nur nach Rücksprache.

Ein ehemaliger Arbeitnehmer aus Eberswalde hält in Maputo ein Foto des Wohnheims in die Kamera
Porträt eines ehemaligen Arbeitnehmers aus Eberswalde in Maputo
Porträt eines ehemaligen Arbeitnehmers aus Eberswalde an einem Tisch in Maputo
Demonstration ehemaliger DDR Arbeitnehmer in Maputo, ein Mann in Warnweste, dahinter deutsche und mosambikanische Fahnen

Die Zeitzeugen

Bei den Recherchen und Dreharbeiten in Mosambik sind ausführliche Videointerviews mit ehemaligen Arbeitnehmern des VEB Walzwerk Eberswalde-Finow entstanden. Hier entsteht ihr Platz: fünf Zeitzeugen, jeweils mit Video und Transkription.

Im Aufbau. Videos und Transkriptionen werden nach und nach eingebunden.

Francisco Armando Mondlane

Videointerview, Maputo, 26. April 2026

Video und Transkription folgen.

Transkription folgt ↗

Fanuel Massango

Videointerview, Maputo, 30. September 2026

Fotos, Video und Transkription folgen.

Transkription folgt ↗

Arnaldo Soares Mendes

Videointerview, Maputo, 23. Februar 2026

Video und Transkription folgen.

Transkription folgt ↗

Bento Aucedro Tamele

Videointerview, Maputo, 25. Februar 2026

Video und Transkription folgen.

Transkription folgt ↗

Julião Chavanguana

Videointerview, Maputo, 15. August 2026

Video und Transkription folgen.

Transkription folgt ↗

Maputo | Eberswalde | Maputo

Seit Februar 2026 tauschen sich ehemalige Arbeitnehmer des Walzwerks Eberswalde-Finow, Stélio Guibunda in Maputo und Thomas Balzer, Rechercheur, Dokumentarfilmer und Filmemacher aus Berlin, in einer WhatsApp Gruppe aus. Hier werden Fotos erkannt, Namen gefunden, Erinnerungen geteilt und Forderungen formuliert. Die Zitate sind aus dem Portugiesischen übersetzt.

„Wir sind im Kampf und fordern das Geld, das uns die beiden Regierungen schulden.“

Arnaldo Soares Mendes, 10. Februar 2026

„Deshalb braucht es eine politische Lösung mit Ausgleich und Entschädigung, die diesen historischen Fehler korrigiert.“

Arnaldo Soares Mendes, 11. Februar 2026

„Für Anerkennung, Respekt, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Entschädigung: Der Kampf geht weiter bis zum letzten Mann.“

David Macou, 11. Februar 2026

„Einige Fotos entstanden bei den ersten Wahlen, an denen wir als Ausländer teilgenommen haben.“

Agostinho S., 25. September 2026

„Dieses letzte Foto zeigt ein Fest, bei dem wir dabei waren. An das Jahr erinnere ich mich nicht.“

Arnaldo Soares Mendes, 30. September 2026

„Wir werden überleben.“

Arnaldo Soares Mendes, 23. September 2026

Jeden Mittwoch in Maputo

In Mosambik nennt man sie Madgermanes. Seit Dezember 1990 fordern sie die einbehaltenen Löhne ein. Beim ersten Protestmarsch vor dem Arbeitsministerium am 5. Dezember 1990 starben zwei Menschen. Bis heute versammeln sie sich jeden Mittwoch in Maputo.

Arnaldo Soares Mendes kam 1987 nach Eberswalde und kehrte drei Jahre später zurück. Sechzig Prozent seines Lohns wurden an das mosambikanische Arbeitsministerium überwiesen. Die Auszahlung steht bis heute aus.

22.161

mosambikanische Werktätige reisten bis Ende 1989 in die DDR ein (MfAL, März 1990)

25 bis 60 %

der Löhne wurden einbehalten

35 Jahre

Protest für Anerkennung und Auszahlung, seit Dezember 1990

„Hier wurde ein historischer Fehler begangen. Diesen Fehler müssen beide Staaten übernehmen.“

Arnaldo Soares Mendes, Maputo, 2026

„Niemand bittet in Deutschland um Almosen. Wir wollen, dass das Gesetz eingehalten wird.“

David Macou, Maputo, 2026

Der Staatsvertrag zwischen der DDR und Mosambik

Am 24. Februar 1979 unterzeichneten Erich Honecker und Samora Machel in Maputo das „Abkommen über die zeitweilige Beschäftigung mocambiquanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben der DDR“. Auf dieser Grundlage reisten bis Ende 1989 22.161 mosambikanische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in die DDR ein. Sie kamen nicht aus eigenem Antrieb. Die DDR hatte sie angefordert, weil ihren Betrieben Arbeitskräfte fehlten. Mosambik, nach dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft wirtschaftlich schwer angeschlagen und im Bürgerkrieg, stellte sie bereit. Die Auswahl traf das Arbeitsministerium in Maputo. Gesucht wurden junge Frauen und Männer zwischen 18 und 25 Jahren, gesund und mit mindestens vier Jahren Schulbildung.

Ausbildung als Versprechen

Offiziell diente das Abkommen der Qualifizierung. Die jungen Mosambikaner sollten in der DDR arbeiten, zugleich eine Berufsausbildung erhalten und mit diesem Wissen nach ihrer Rückkehr am Aufbau des sozialistischen Mosambik mitwirken. In der Praxis sah das meist anders aus. Die Betriebe setzten sie überwiegend als Hilfskräfte ein, für schwere körperliche Arbeit in Walzwerken, im Bergbau, in Schlachthöfen, im Fahrzeugbau oder in der Textilindustrie. Eine anerkannte Ausbildung erhielten nur wenige.

Gleicher Lohn, aber nicht in der Hand

Auf dem Papier waren die mosambikanischen Arbeitnehmer ihren deutschen Kollegen gleichgestellt. Für gleiche Arbeit sollten sie den gleichen Lohn erhalten. Tatsächlich bekamen sie in der DDR nur einen Sockelbetrag von mindestens 350 Mark bar ausgezahlt. Zwischen 25 und 60 Prozent ihres Nettolohns behielt der Staat ein. Dieses Geld sollte nach Mosambik überwiesen und den Arbeitnehmern nach ihrer Rückkehr in Landeswährung ausgezahlt werden, als Rücklage für ihre Zukunft.

Dazu kam es in den meisten Fällen nie. Die einbehaltenen Lohnanteile wurden zwischen den Regierungen mit den Schulden Mosambiks bei der DDR verrechnet, etwa für gelieferte Maschinen, Konsumgüter und Militärhilfe. Die Arbeitnehmer finanzierten so, ohne es zu wissen, die Staatsschulden ihres eigenen Landes. Wer zurückkehrte, fand kein Guthaben vor.

Kontrolle statt Völkerfreundschaft

Das Abkommen sprach von Solidarität und Freundschaft zwischen sozialistischen Staaten. Der Alltag war von Abgrenzung geprägt. Die mosambikanischen Arbeitnehmer lebten in betriebseigenen Wohnheimen mit strengen Hausordnungen und Besuchsregeln. Ihre Familien durften sie nicht nachholen. Der Aufenthalt war befristet und an den Arbeitsplatz gebunden. Frauen, die schwanger wurden, standen vor der Wahl zwischen Abbruch der Schwangerschaft und Rückkehr nach Mosambik. Kontakte zur Bevölkerung waren möglich, wurden aber nicht gefördert und oft beobachtet.

Das Ende 1990

Mit dem Zusammenbruch der DDR verloren die meisten mosambikanischen Arbeitnehmer ihre Stelle. Die Betriebe kündigten, die Rückreise wurde organisiert. Viele kehrten in ein Land im Bürgerkrieg zurück, ohne Ausbildung und ohne Ersparnisse. Ob ihre Beschäftigungszeiten in der DDR später für eine Rente angerechnet wurden, blieb lange ungeklärt und hing vom Einzelfall ab. Manche erreichten nach Jahren individuelle Lösungen, viele gingen leer aus. Einige blieben in Deutschland und erlebten in den Nachwendejahren offenen Rassismus und rechte Gewalt.

In Maputo nennen sich die Zurückgekehrten Madgermanes. Seit 1990 versammeln sie sich jeden Mittwoch zu Demonstrationen und fordern ihre einbehaltenen Löhne. Eine Entschädigung haben sie bis heute nicht erhalten, weder von Mosambik noch von Deutschland.

Base Camp Germany

Ein Park in der Innenstadt von Maputo trägt den Namen „Base Camp Germany“. Hier treffen sich die Madgermanes, die ehemaligen Arbeitnehmer aus der DDR. Jason Byrne hat dort ab 2010 gemeinsam mit Helge Elisabeth Zeitler für seinen Kurzfilm, der 2014 erschien, Rückkehrer interviewt, darunter Arnaldo Soares Mendes. Er erzählt: „Ich war in Eberswalde Finow, nahe Berlin, in einem Stahlwerk.“

Der Film zeigt, was Fengers Bilder nicht erzählen können: wie die Männer nach 1990 ohne Geld in ein Land im Bürgerkrieg zurückkehrten und seitdem auf die Auszahlung ihrer Lohnanteile warten. Er ist zugleich das erste Wiedererkennen: Ein Arbeitnehmer aus dem Eberswalder Walzwerk meldet sich aus Maputo.

Für dieses Projekt war der Film von 2014 die Initialzündung, noch vor dem Start des Instagram Kanals im Februar 2022, über den José Mafueca auf einem der Bilder wiedererkannt wurde. Seitdem ist klar: Fengers Fotografien sollen nicht im Archiv liegen bleiben und nicht ohne Namen an einer Museumswand hängen. Sie gehören zurück zu den Menschen, die auf ihnen zu sehen sind.

Die Fotografien in Eberswalde ↗

Filme, Berichte, Interviews

Bildschirmfoto der Filmseite „Base Camp Germany“ von Jason Byrne: Arnaldo Soares Mendes im Interview, Untertitel „I was in Eberswalde-Finow, close to Berlin, in a steel plant.“

Jason Byrne: Base Camp Germany

Ein Film von Jason Byrne mit Bezug zur Geschichte der mosambikanischen Arbeitnehmer in der DDR.

Filmausschnitt folgt

Deutsche Welle

Bericht von Stélio Guibunda

Der Journalist und Dokumentarfilmer aus Maputo berichtet über die Madgermanes und ist Koautor dieses Projekts.

Beitrag folgt

Interviews 2026

Neue Gespräche in Maputo

Stélio Guibunda führt Interviews mit ehemaligen Walzwerkern, darunter Francisco Armando Mondlane über die Nacht des 24. November 1990 in Eberswalde.

Ausschnitte folgen

Eine Gruppe ehemaliger Kollegen

Seit Februar 2026 tauschen sich ehemalige Arbeitnehmer aus dem Walzwerk Eberswalde-Finow in einer gemeinsamen Gruppe mit dem Projekt aus. Sie erkennen Gesichter, erinnern Orte und Ereignisse und teilen eigene Fotos. Wer in Eberswalde gearbeitet hat, kann Teil dieser Gruppe werden.

„Das ist unser Beitrag, die Geschichte neu zu schreiben.“

Arnaldo Soares Mendes, Maputo, 2026

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