Christian Fenger · Ein offenes Archiv im Aufbau

Eingeladen und vergessen

Ein offenes Archiv im Aufbau

Die Eberswalder Fotografien von Christian Fenger, 1987 bis 1990

Schwarzweiß: Gruppe junger Männer auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Eberswalde

Mosambikanische Arbeitnehmer auf dem Bahnhof Eberswalde, späte 1980er Jahre. Aufnahme: Christian Fenger

Christian Fenger und die Gäste aus Mosambik

Der Staatsvertrag zwischen der DDR und Mosambik enthielt eine folgenschwere Klausel: Bar ausgezahlt wurde den mosambikanischen Arbeitnehmern nur ein Sockelbetrag von mindestens 350 Mark.

Der Staatsvertrag zwischen der DDR und Mosambik vom 24. Februar 1979 ↗

Christian Fenger stammte aus Frankfurt (Oder) und arbeitete seit 1981 als Facharbeiter für Stahlformung im VEB Walzwerk Eberswalde-Finow, im Werk als Gütekontrolleur eingesetzt. Er fotografierte für die Werkszeitung „Der Walzwerker“ und war Mitglied im Fotoclub Eberswalde. Ab 1987 betreute er eine Gruppe junger Arbeitnehmer aus Mosambik und begleitete sie drei Jahre lang mit der Kamera.

Die rund 90 Männer waren auf Grundlage des Staatsvertrags von 1979 nach Eberswalde gekommen, offiziell zur Ausbildung. Tatsächlich verrichteten sie überwiegend schwere Hilfsarbeit. Zwischen 25 und 60 Prozent ihres Lohns behielt der Staat ein. Nach dem Vertrag sollte dieses Geld nach Mosambik überwiesen und den Arbeitnehmern nach ihrer Rückkehr in Landeswährung ausgezahlt werden, als Rücklage für ihre Zukunft. Tatsächlich verrechneten beide Regierungen die einbehaltenen Löhne mit den Schulden Mosambiks bei der DDR, etwa für gelieferte Konsumgüter, Maschinen und Militärhilfe. Die Männer bezahlten damit, ohne es zu wissen, die Staatsschulden ihres eigenen Landes. Wer nach Maputo zurückkehrte, erhielt das Geld nur in den seltensten Fällen. Die wenigen, die überhaupt etwas ausgezahlt bekamen, hatten davon kaum etwas, denn Krieg und Inflation hatten den Wert längst aufgezehrt.

Christian Fenger, Betreuer und Fotograf

Mosambikanische Männer betrachten an einem Stand ausgehängte Fotografien, dahinter Kinder und Besucher eines Festes unter Bäumen.

Aus der Betreuung wurden enge, freundschaftliche Beziehungen.

Fenger fotografierte die Männer, die er betreute, nicht am Arbeitsplatz, sondern in ihrer Freizeit und im Alltag in Eberswalde. Das macht seine Bilder besonders. Die Bildagenturen der DDR zeigten ausländische Arbeitnehmer an der Maschine, gestellt, als Beleg gelungener Solidarität. Fenger dagegen zeigt den Alltag einer kleinen Gruppe von Mosambikanern: das Wohnheim, Feste, Fußball, Ausflüge. Im Wohnheim in der Leninstraße betrieb der Fotoclub des Kulturbunds ein Fotolabor, in dem Fenger regelmäßig seine Filme entwickelte und die Abzüge herstellte.

Christian Fenger mit zwei Kameras und Fototasche auf einem Platz in Eberswalde, 30. September 1989

Christian Fenger, Eberswalde, 30. September 1989. Aufnahme: Andreas Mroß

Ab den späten 1980er Jahren hatte Fenger eine Doppelrolle: Er war Betreuer der Männer aus Mosambik und zugleich Fotograf der Werkszeitung „Der Walzwerker“. Was er davon hielt, steht in keinem Bericht. Die Bilder zeigen, wie nah man ihn herankommen ließ.

Alltag in Eberswalde

Gruppe junger Männer aus Mosambik am Ufer eines winterlichen Sees in Eberswalde, vermutlich 1988
Schwarzweiß: Lachende junge Männer bei einem Fest im Freien, Eberswalde
Festtafel mit Weihnachtsbaum, junge Männer aus Mosambik und Vertreter des Betriebs bei einer Ansprache

Die meisten Männer waren kaum älter als zwanzig, als sie ab 1987 nach Eberswalde kamen. Ihr Leben spielte sich zwischen Walzwerk, Wohnheim in der Leninstraße und Stadt ab: Es wurde gekocht, gefeiert und Musik gehört. Zugleich galten im Wohnheim strenge Regeln, Besuche waren eingeschränkt.

Fußballmannschaft junger Männer aus Mosambik mit Ball auf einem Sportplatz in Eberswalde
Gruppe junger Männer aus Mosambik vor der Neuen Wache in Berlin, im Hintergrund ein Wachposten
Gruppe junger Männer aus Mosambik in Winterjacken im Schnee

Was aus den Bildern wurde

Die Digitalisierung von Christian Fengers fotografischem Nachlass zog sich bis 2015 hin. Jedes Bild erhielt eine Kontrollnummer. Der Bestand umfasst 537 Fotografien, viele davon in mehreren Abzügen und Formaten. Zahlreiche Papierabzüge sind stark vergilbt, in vielen Fällen zerstört eine mangelhafte Fixierung die Bilder nach und nach. 2022 wurden die Originale dem Archiv von DOMiD zur Sicherung überlassen.

Im selben Jahr begann ein Austausch mit Maputo. Abzüge und Veröffentlichungen werden geteilt, Bilder gehen hin und her. Wer sich oder andere erkennt, gibt den Fotografierten ihre Namen zurück.

So erhalten die Bilder langsam ihre Geschichte. Das Archiv stellt sie wieder in den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind, Eberswalde zwischen 1987 und 1990, und bringt sie zurück zu den Menschen, die sie zeigen.

Christian Fenger mit zwei Kameras und Fototasche in der Eberswalder Altstadt, daneben eine Frau mit zwei Kinderwagen

Christian Fenger im Stadtzentrum von Eberswalde, September 1989. Aufnahme: Andreas Mroß

Arnaldo Soares Mendes

Am 23. Februar 2026 sah sich Arnaldo Soares Mendes erstmals wieder auf den Fotografien von Christian Fenger.

Arnaldo Soares Mendes in heller Jacke auf einem Plattenweg vor einer Wiese und Kiefern, Eberswalde, späte 1980er Jahre

Bento Aucedro Tamele

Am 25. Februar 2026 sah sich Bento Aucedro Tamele erstmals wieder auf den Fotografien von Christian Fenger.

Bento Aucedro Tamele in Eberswalde, Ausschnitt aus einer Fotografie von Christian Fenger

Fanuel Massango

Videointerview mit Fanuel Massango, Maputo, 30. September 2026.

Fanuel Massango im hellen Anzug beim Abflug vom Flughafen Berlin-Tegel nach Maputo

Weitere Zeitzeugen gesucht

Fotografien von Christian Fenger in Maputo

Viele Namen kennen wir nicht. Die ersten Hinweise kamen aus Maputo. Ab 2010 drehten Jason Byrne und Helge Elisabeth Zeitler dort den Film „Base Camp Germany“, der 2014 erschien. Darin sagt Arnaldo Soares Mendes: „Die DDR hatte keine Roboter, die DDR hatte uns.“ Derselbe Mann ist auf den Fotografien von Christian Fenger aus Eberswalde zu sehen.

Im Februar 2022 erschienen erste Bilder auf Instagram, daraufhin meldeten sich Familienangehörige der ehemaligen mosambikanischen Arbeitnehmer aus dem Walzwerk Eberswalde-Finow. Heute geben ehemalige Kollegen in Maputo zu immer mehr Aufnahmen Hinweise.

Die Fotografien von Christian Fenger suchen ihre Zeitzeugen. Hinweise zu Personen, Orten und Anlässen helfen weiter.

Recherche in Mosambik und Deutschland

Seit Februar 2026 sprechen ehemalige Arbeitnehmer des Walzwerks Eberswalde-Finow in einer WhatsApp Gruppe über ihre Zeit in Eberswalde und über das, was danach kam. Drei Sätze fassen zusammen, worum es in diesem Projekt geht.

Maputo | Eberswalde | MaputoWhatsApp Gruppe · seit Februar 2026
  1. David Macou

    „Niemand bittet in Deutschland um Almosen. Wir haben hart gearbeitet. Was wir wollen, ist, dass das Gesetz eingehalten wird.“

    Maputo, 11. Februar 2026
  2. Arnaldo Soares Mendes

    „Wir sind im Kampf und fordern das Geld, das uns die beiden Regierungen schulden.“

    Maputo, 10. Februar 2026
Mehr aus dem Gruppenchat →

Drei Wege in diese Geschichte

ChristianFenger.de ist ein wachsendes dokumentarisches Archiv. Ausgangspunkt sind 537 Schwarzweißfotografien, die Christian Fenger zwischen 1987 und 1990 aufgenommen hat. Im Zentrum stehen Lebenswelt und Arbeit einer Gruppe mosambikanischer Arbeitnehmer in Eberswalde und die Verbindung zwischen Eberswalde und Maputo. Historische Fotografien, Dokumente, heutige Interviews und neue Erkenntnisse werden miteinander verbunden. Das Archiv wächst mit jeder identifizierten Person, jeder neuen Information und jedem neu erschlossenen Zusammenhang.

Eberswalde

Walzwerk, Wohnheim und Stadt. Der Alltag von 1987 bis 1990.

Zu Eberswalde ↗

Maputo

Rückkehr, Zerstreuung und der Kampf um die einbehaltenen Löhne.

Zu Maputo ↗

Hub 87 | 27

Fotoalben, Zeitleiste und Videoausschnitte zum Projekt 87 | 27.

Zum Hub ↗

Von 1987 bis heute

87 | 27

40 Jahre danach gibt es immer noch keine Lösung. Keine moralische Anerkennung, keinen finanziellen Ausgleich für die gestohlenen Jahre.

Zum Hub ↗

Hub 87 | 27 · Fotoalben, Zeitleiste, Videos

Eingeladen und vergessen

Bis Ende 1989 reisten 22.161 Mosambikaner auf Einladung der DDR ein, für viele der Beginn eines Abenteuers, dessen Ausgang bis heute offen ist. Als Zahl bleibt ihre Geschichte abstrakt. Fengers Fotografien der rund 90 Männer aus dem Eberswalder Walzwerk machen es möglich, sie im Detail zu erzählen. Die Recherche rekonstruiert ihre Lebenswege, stellvertretend für alle, die damals kamen. An einzelnen Biografien wird nachvollziehbar, welches Unrecht den afrikanischen Arbeitnehmern widerfahren ist.

  1. Ankunft im Walzwerk

    Die ersten Arbeitnehmer aus Mosambik kommen ins VEB Walzwerk Eberswalde-Finow. Christian Fenger, Facharbeiter für Stahlformung, im Werk als Gütekontrolleur eingesetzt und Betreuer der Gruppe, beginnt im Januar 1987 zu fotografieren.

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  2. Die einzige Wahl

    Erstmals dürfen ausländische Arbeitnehmer bei der Kommunalwahl wählen. Es ist die gefälschte Wahl, mit der das Ende der DDR beginnt.

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  3. Kündigung

    83 Mosambikaner des Walzwerks erhalten die sofortige Kündigung und die Aufforderung zur Ausreise. Anfang September fliegen die ersten Männer der Eberswalder Gruppe zurück nach Mosambik.

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  4. Die Nacht in Eberswalde

    Rassistischer Überfall vor dem Hüttengasthof. Amadeu Antonio stirbt am 6. Dezember an seinen Verletzungen. Zwei Mosambikaner überleben schwer verletzt.

    Zur Nacht im November 1990 →
  5. Übergabe der Fotografien

    Das Walzwerk wird abgewickelt, Christian Fenger verliert seine Arbeit. Er überlässt ein Konvolut von Papierabzügen einem Berliner Dokumentarfilmer, mit der Bitte, die Bilder in künftigen Filmen über Eberswalde zu nutzen.

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  6. Fenger stirbt in Bad Saarow. Mit ihm geht viel Wissen über die einzelnen Fotografien verloren.

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  7. Sicherung der Originale

    Die Originalabzüge werden dem Archiv von DOMiD zur Sicherung überlassen.

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  8. Die Erinnerung kehrt zurück

    Ehemalige Arbeitnehmer aus Eberswalde und Stélio Guibunda in Maputo gründen die Gruppe Maputo | Eberswalde | Maputo. Die Männer erkennen sich auf den Bildern wieder, in Maputo entstehen die ersten Interviews.

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  9. Namen und Stimmen

    Die Recherche rekonstruiert die Lebenswege der rund 90 Männer aus dem Walzwerk. Die Fotografierten sollen ihre Namen und Stimmen zurückbekommen.

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  10. Ein Arbeitsleben

    Vierzig Jahre nach ihrer Ankunft stehen viele der Männer am Ende ihres Erwerbslebens. Im Kern der Geschichte stehen die einbehaltenen Löhne und das Ringen um Entschädigung.

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  11. Plakatwände in Eberswalde

    Fengers Fotografien sollen auf Plakatwänden in Eberswalde zu sehen sein, dort, wo die Geschichte der rund 90 Mosambikaner begann.

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